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Dienstag, 08.06.2010:

Rotlicht Hells Angel „Meine Ermordung wurde beschlossen“

Ulrich Detrois war acht Jahre Mitglied bei der Rockerbande Hells Angels. Den Friedensschluss zwischen den Bandidos und den Hells Angels bezeichnet er als Show. Im Interview erzählt er, dass er mit dem Tod bedroht wird.

Herr Detrois, Sie waren mal ein Hells Angel. Was halten Sie vom Friedensschluss zwischen den Bandidos und den Hells Angels?

ULRICH DETROIS: Das ist der größte Blödsinn, der je der Bevölkerung verkauft wurde. Es gab ja auch in der Vergangenheit immer wieder Ankündigungen, dass nun Frieden herrschen soll. Aber das ist alles nur Täuscherei. Wer genau hinhört, merkt auch, dass von wirklichem Frieden gar nicht die Rede ist. Gesagt wird nur: Wir halten uns aus euren Geschäften raus, ihr aus den unseren.

Um welche Geschäfte geht es da eigentlich? Die Hells Angels betonen ja ebenso wie die Bandidos, dass es illegale Geschäfte im größeren Umfang nicht gebe.

DETROIS: Wenn es um Kaffeeanbau und Zuckerverkauf gehen würde, müsste man da nichts aufteilen. Es geht um illegale Geschäfte im Rotlicht-Milieu, Drogen- und Waffenhandel, Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung, Auftragsmord. Warum sollte es die Streitereien überhaupt geben, wenn es nicht um knallhartes Business ginge?

Die Hells Angels und Bandidos sagen nun, sie wüssten gar nicht mehr, wie der Streit überhaupt angefangen habe.

DETROIS: Da gibt es aber gewaltige Gedächtnislücken. Ich kann mich doch nicht im Ernst hinstellen und sagen: Ich weiß gar nicht mehr, warum ich den überfallen habe, warum ich dessen Haus angezündet habe. Es geht schließlich nicht darum, dass die sich mal in der Kneipe boxen. Es geht um schwere Kriminalität.

Für ein bundesweites Verbot müsste bewiesen werden, dass es klare Führungsstrukturen gibt und die Ortsgruppen miteinander verbunden sind. Ist das denn der Fall?

DETROIS: Ja klar. Kein Charter macht etwas ohne Wissen des anderen. Alle stehen im Kontakt und geben sich Informationen weiter.

Wie laufen denn da die Informationen?

DETROIS: Telefon, Mail, aber bei wichtigen Dingen auch per Pony-Express.

Pony-Express? Was ist das?

DETROIS: Um eine Information zu verbreiten, schickt ein Charter einen Mann mit der Nachricht zum nächstgelegenen Charter. Von dort aus werden wieder Leute zu den nächsten Chartern losgeschickt. In bis zu sechs Stunden ist auf diese Weise jede Nachricht in ganz Deutschland rum.

Und die Polizei kommt ihnen da nicht auf die Schliche?

DETROIS: Wie sollte sie? Die Leute sitzen nicht auf der Harley, sondern im Auto, ohne Hells-Angels-Kutte. Und wenn einer sie anhält, gibt es ja keine Beweise. Sie haben ja nur eine Information im Kopf.

Wenn Hanebuth und Maczollek stellvertretend für alle Ortsgruppen Frieden schließen können, muss es aber doch eine Führungsstruktur geben.

DETROIS: Ganz genau. Außerdem: Wenn es keine inneren Strukturen gäbe, wie wäre es dann möglich, dass die Präsidenten aus ganz Deutschland sich treffen, um meine Ermordung in Auftrag zu geben?

Wie haben Sie davon erfahren?

DETROIS: Von der Polizei. Ich wurde ins Präsidium einbestellt und mir wurde gesagt, dass die Präsidenten meine Ermordung beschlossen haben und das Kopfgeld schon an russische Auftragskiller ausbezahlt wurde.

Wissen Sie wie viel?

DETROIS: Leider nicht, das würde mich auch interessieren.

Das ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Wie leben Sie damit, dass Sie auf der Abschussliste stehen?

DETROIS: Ganz normal. Ich bin nicht abgetaucht. Einmal wurden vier Russen mit Maschinenpistolen vor meinem Haus festgenommen. Ein andermal fuhr ein Auto vorüber, dessen Insasse eine Pistole auf mein Haus richtete. Der wurde aber nicht erwischt. Mein größtes Problem ist, dass sie auch gedroht haben, meine Schwester zu ermorden. Aber die muss es auch schaffen.

Es geht um wirtschaftliche Interessen, sagen Sie. Was passiert eigentlich mit dem ganzen Geld?

DETROIS: Die Gelder fließen in neue Projekte, in Bordelle, den Fuhrpark, nach Amerika.

Um wie viel geht es im Jahr?

DETROIS: Genau kann ich das nicht sagen, aber es sind mehrere Millionen im Jahr allein aus Deutschland.

Wie kann man mit diesem Geld überhaupt arbeiten. Es ist schließlich illegal und müsste irgendwie auffallen.

DETROIS: Die Hells Angels haben viele Leute in ihrem Umfeld, die da helfen. Immobilienmakler, Rechtsanwälte, die Tipps geben und behilflich sind. Außerdem wird das Geld oft zu einem Charter in die Schweiz gebracht. 300 Motorräder fahren mit je 10 000 Euro über die Grenze, geben das Geld ab und die Schweizer legen das für uns an. Ein Teil fließt auch in legale Geschäfte, in Diskotheken zum Beispiel.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, welch lange und demütigende Jahre man mitmachen muss, um irgendwann möglicherweise bei den Hells Angels aufgenommen zu werden. Die Anwärter verrichten nur niedere Dienste, müssen putzen, kehren, Feuer bewachen. Sie müssen sehr viel Geld Aufnahmegebühr bezahlen und jahrelang warten. Warum tun sie sich das überhaupt an?

DETROIS: Ehrlich gesagt: Das ist etwas, das selbst mir nicht einleuchtet. Natürlich lockt die Clubjacke, der Glaube daran, Macht auszuüben. Es ist der Weg zum großen Geld, der lockt. Viele finden einfach nur den Gedanken gut, Teil einer Bruderschaft zu sein. Sie denken an Grillen, Angeln, Biertrinken, Baggersee und Bratwürstchen. Dann ist natürlich alles ganz anders. Ich kam ja durch den Motorradclub „Bones“ ganz unkompliziert zu den Hells Angels. Diese jahrelangen Aufnahmerituale hätte ich auch nicht mitgemacht.

Was hat Sie gelockt?

DETROIS: Das Motorradfahren. Außerdem war ich viele Jahre im Rotlichtmilieu tätig und sah einfach die Chance, meine Geschäfte durch die Hells Angels zu erweitern.

Glauben Sie, dass die Hells Angels es irgendwann aufgeben werden, Sie zu verfolgen?

DETROIS: Nein. Die werden das nie aufgeben. Sie wollen ein Fanal als Warnung setzen. Ich rechne jeden Tag damit, dass ich umgebracht werde. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Das Gespräch führte Claudia Lehnen



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