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Dienstag, 19.04.2011:

Rockerklubs streiten im Norden um Macht und Einfluss

Die Polizei befürchtet, dass es in Niedersachsen bald zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Hell Angels und anderen Rockerklubs kommen könnte. Gerade im Nordwesten des Landes konkurrieren die Klubs in einigen Städten miteinander. Dass das auf Dauer gut geht, daran haben die Ermittler Zweifel.


Oldenburgs Polizeipräsident schlägt Alarm. Hans-Jürgen Thurau warnt vor einem blutigen Rockerkrieg im Nordwesten Niedersachsens. „Wir steuern auf eine Entwicklung zu, die sehr gefährlich ist“, sagt der Polizeipräsident. Grund der Sorge sind Revierkämpfe im Rockermilieu. In den Städten und Regionen, die bisher vom Motorradklub Gremium MC beherrscht waren, machen sich zunehmend deren Todfeinde breit: Überall im Nordwesten haben in der Vergangenheit die Red Devils neue Gruppen gegründet – eine Hilfstruppe der Hells Angels.

„Bis zum Jahr 2000 waren wir hier reines Gremium-Gebiet“, sagt Thurau. „Jetzt haben wir fünf neue Red-Devil-Klubs, und drei weitere sind geplant.“ Zudem soll in Wilhelmshaven die Gründung eines „Fullchapters“ der Hells Angels in Vorbereitung sein. „Ich will es mal in der Sprache der Klubs formulieren“, sagt der Polizeipräsident: „Der Westen soll rot-weiß werden.“

Dabei geht es aus Sicht der Polizei nicht um Spazierfahrten mit schweren Maschinen und geselligen Abenden, sondern um knallharte Machtkämpfe – vor allem im Rotlichtmilieu und der Türsteherszene. Die Gründung neuer Klubs ziele daher darauf ab, entsprechende „Claims“ abzustecken, sagt Thurau. „Diese Gangs, die sich selbst als Outlaws, als Gesetzlose bezeichnen, umgeben sich mit einer Aura der Macht und bauen so ein Bedrohungsszenario auf, damit sie in Ruhe ihre Geschäfte abwickeln können. Das können wir nicht akzeptieren.“

Rudolf Triller („Django“), Pressesprecher der Hells Angels, weist solche Warnungen als „Quatsch“ zurück. „Der Polizeipräsident neigt zu Übertreibungen“, sagt Triller. „Wir sind hier nicht im Kriegszustand.“ Wenn junge Leute neue Klubs gründeten, sei dies kein Anlass, in Panik zu verfallen. Dass die überalterten Gremium-Chapter, deren Mitglieder als „Bierbauch-Daddys“ bespöttelt werden, gegenüber den jüngeren roten Teufeln an Boden verlieren, ist für „Django“ ein normaler Vorgang. „Man spricht ja auch nicht von Handelskrieg, nur weil Firmen unfähig sind, sich den neuen Zeiten anzupassen.“

Auch Hannovers Rocker-Chef Frank Hanebuth weist die Kritik des Polizeipräsidenten zurück: „Mit dem Gremium MC hat es noch nie Stress gegeben, das wird auch so bleiben.“ Die Höllenengel planen nach Auskunft von Hanebuth in diesem Jahr lediglich die Gründung eines neuen Charters in Helmstedt. „Nach Wilhelmshaven will keiner von uns“, betonte er.

Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen, das die Rockerkriminalität seit 2005 mit einer speziellen Ermittlungsgruppe beobachtet, kommt zu einer etwas anderen Einschätzung. Drogen- und Waffenhandel, Erpressung, Menschenhandel sowie schwerste Formen der Körperverletzung bis hin zum Mord rechnen die Fahnder den Höl­lenengeln zu.

„Die Red Devils und die Brigade 81 dienen als billiges Arbeitspotenzial“, sagt LKA-Dezernatsleiter Andreas Kühn. „Die Hells Angels bedienen sich dieser Satelliten, um Märkte zu erobern und zu bestellen und begrenzen damit gleichzeitig den Kreis der Eingeweihten. Wie bei der Mafia lassen sich auch Verbindungen zur „ehrenwerten Gesellschaft“ feststellen. „Diese Leute suchen gezielt die Nähe zur Politik und örtlichen Wirtschaft, um Einfluss zu nehmen und ihr Geld in allgemein akzeptierte Geschäfte zu lenken“, sagt Hans-Dieter Wilhus, stellvertretender Landesvorsitzender im Bund deutscher Kriminalbeamter.

Auch der Gremium MC ist kein harmloser Kegelverein. „Wir haben bei den rund 200 Mitgliedern in zehn Jahren 800 Straftaten registriert“, sagt Polizeipräsident Thurau. „Die ganze Palette, vom Menschenhandel bis zur Schutzgelderpressung.“ Welch kriminelle Energie in dem Klub steckt, zeigt sich derzeit bei einem Prozess vor dem Landgericht Oldenburg. Auf der Anklagebank sitzen drei Gremium-Rocker, die versucht haben sollen, ihren Präsidenten umzubringen. Das Gericht ist wie eine Festung gesichert. Polizisten mit Maschinenpistolen stehen Rockern in schwarzen Kutten gegenüber, die im Gerichtssaal die Muskeln spielen lassen. „Terror Crew Vechta“ steht auf ihren Stickern.

Laut Anklageschrift ging es hart zur Sache. Eine 60 Mann starke Schlägertruppe aus ganz Norddeutschland soll zum Gremium-Klubhaus nach Steinfeld bei Vechta beordert worden sein, um den Präsidenten abzustrafen. Mit Eisenstangen und Schlagringen wurde Alexander K. misshandelt, nachdem er sich zuvor bereits mit einer Maschinenpistole gegen frühere Klubkameraden zur Wehr gesetzt hatte. K., genannt „Iwan“, wurde beschuldigt, auf eigene Rechnung Geschäfte mit illegalen Leiharbeitern für Puten-Großschlachtereien im Oldenburger Münsterland gemacht zu haben.

Was ihm seine früheren Kumpel aber offenbar am meisten verübelten, waren seine Kontakte zum anderen Lager: Alexander K. soll eine enge Verbindung zu führenden Köpfen der rivalisierenden Hells Angels in Hannover und Bremen aufgebaut haben.

Inzwischen hat sich das Gremium-Chapter in Vechta aufgelöst. Etliche Mitglieder sind zu den „roten Teufeln“ übergelaufen, die nun in Vechta residieren. Der Umbruch in der Rockerszene hat sich offenkundig umgehend im örtlichen Rotlichtmilieu ausgewirkt. Die Hells Angels, heißt es, hätten jetzt die Regie in Vechtas Bordellen übernommen. Vor einem Klub sei in jüngster Zeit verdächtig häufig der auffällige Ferrari eines führenden Höllenengels aus Bremen gesichtet worden.



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