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Freitag, 07.01.2011:

Prostitution in einer prekarisierten und globalisierten Arbeitswelt

Sex gehört mittlerweile zu jedem Roman oder Film, der für die große Kasse vorgesehen ist. Kaum eine Story, in die sich nicht eine Portion Wollust hineinmischen ließe. Eine dieser stofflichen Verbindungen erfreute sich in der Literaturwelt zuletzt einer gewissen Beliebtheit: Mit Titeln wie „Fucking Berlin – Studentin und Teilzeit-Hure“ oder „Nach der Vorlesung ins Bordell – Bekenntnisse einer Kunststudentin“ drängte sich das Klischee attraktiver Studentinnen in die Öffentlichkeit, die ein Doppelleben zwischen Hörsaal und Prostitution führen. Wie viel autobiografische Authentizität diese schlüpfrig daher kommenden Enthüllungsgeschichten tatsächlich aufweisen, sei dahingestellt. Einen realen gesellschaftlichen Hintergrund haben sie allemal.

Pionier der neuen studentischen Prostitutionsliteratur war die Französin Laura D. In ihrem 2008 veröffentlichten Bestseller „Mein teures Studium“ schildert sie Erfahrungen aus ihrem Nebenjob als Prostituierte vor dem Hintergrund einer prekären Lebenssituation. Denn die damals 19-Jährige hatte zuvor im Callcenter gejobbt, wo sie nicht genug verdiente, um zu überleben. Ein Zweitjob wiederum hätte ihr das Studieren unmöglich gemacht. Vielen ihrer Kommilitoninnen geht es ähnlich. Glaubt man Schätzungen der französischen Basisgewerkschaft SUD, prostituieren sich mittlerweile etwa 40.000 von ihnen. Und auch in Großbritannien soll, im Zuge einer zunehmenden Verschuldung von Studierenden, die Zahl der in der Sexarbeit tätigen Jungakademikerinnen seit dem Jahr 2000 um 50% gestiegen sein. Indessen hat das Thema auch auf die Leinwand gefunden. So zeigt der vor kurzem gestartete Film „Tag und Nacht“ den Werdegang zweier Studentinnen in Wien, die sich anstelle von Kellnern zum Billiglohn für einen Nebenjob im Escortservice entscheiden.

Für Deutschland wird grob geschätzt, dass weniger als 10.000 Studierende im Sex-Gewerbe arbeiten. Genau lässt sich das wohl nie sagen. Schließlich handelt es sich für die allermeisten um eine Arbeit, die sie als vorübergehende Notlösung begreifen und bestmöglich geheimhalten wollen. Verschiedene Beratungsstellen gehen zumindest von einem Anstieg studentischer Prostitution aus, die zunehmend über Internetseiten organisiert werde. Insgesamt soll es in der Bundesrepublik etwa 400.000 Prostituierte geben, wobei im vergangenen Jahrzehnt allgemein ein Anstieg festgestellt wurde, der häufig mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 in Verbindung gebracht wird. Die damit verbundene Entkriminalisierung der Prostitution habe, so wird angenommen, auch die Hürde gemindert, finanziellen Problemen mit Teilzeit-Prostitution entgegenzusteuern.

Dass die gesellschaftlichen Ausmaße von Prostitution immer im Kontext ökonomischer Ungleichgewichte stehen, sollte nicht überraschen. Als sich in den 1960/70er Jahren international die Prostituiertenbewegung formierte, machte sie Armut und Lohnabhängigkeit zu zentralen Aspekten einer Prostitutionsanalyse. Gesetze gegen Prostitution galten ihr als Verordnungen zur „Bestrafung von Frauen, die sich gegen ihre Armut wehren“, wie es etwa eine britische Prostituiertenorganisation formulierte. In Konsequenz wehrte sich die Prostituiertenbewegung gegen die Stigmatisierung ihrer beruflichen Tätigkeit, angefangen mit der Etablierung des achtenswerteren Begriffs der „Sexarbeit“ selbst.

Auch wenn die streikenden Prostituierten in London 1972 richtigerweise proklamierten: „Jede Arbeit ist Prostitution“, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei Sexarbeit um ein durchaus spezielles Arbeitsverhältnis handelt. Dazu zählt die weit verbreitete Einwirkung sexistischer und rassistischer Stereotype ebenso wie die Tatsache, dass in der Prostitution häufig die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen verschärft auf den Punkt gebracht werden. Ihren krassesten Ausdruck findet Sexarbeit in Form von Menschenhandel und Zwangsprostitution, die in Zeiten der Globalisierung eine deutliche Zunahme erfahren haben. Auch hier sind die Zwänge einer Armutsökonomie nicht wegzudenken. Denn „eine bewusst getroffene Entscheidung für die eine oder andere Form der Arbeitsmigration ist angesichts des Wohlstandsgefälles weltweit und der strukturellen Benachteiligung von Frauen nicht immer mit Freiwilligkeit gleichzusetzen“ (KoK e.V.). Die alte Forderung der US-Prostituiertenbewegung, „Armut und nicht Prostitution zu ächten“, verliert auch im globalen Maßstab gewiss nichts an Gültigkeit.

Holger Marcks

 

http://www.direkteaktion.org/203/sex-works



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