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Mittwoch, 21.04.2010:

Jede vierte Zwangsprostituierte ist minderjährig

Frauenrechtlerin: Die Freier wollen immer jüngere Mädchen

Bayern-Star Franck Ribéry und sein angeblicher Kontakt zu einer minderjährigen Prostituierten (17) in Paris. Wie kam es überhaupt, dass das Mädchen in dem Nachtclub am Champs Elysées anschaffen musste? Frauenrechtlerin Inge Bell* erklärt, warum immer mehr Minderjährige zur Prostitution gezwungen werden.

„24 Prozent der festgestellten Opfer des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung waren minderjährig.“

So sieht die Lage in Deutschland aus und so steht es in nüchternem Beamtendeutsch im BKA-Bericht zum Menschenhandel von 2008.

Heißt: JEDE VIERTE ZWANGSPROSTITUIERTE IN DEUTSCHLAND IST JÜNGER ALS 18!

Ähnliches trifft laut Inge Bell, die sich seit Jahren gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel einsetzt, auch auf andere westeuropäische Länder zu: „Der Trend geht massiv zum jungen, willigen, leicht abrichtbaren 'Fleisch'. Menschenhändler bieten, was gesucht wird. Und das ist immer jüngere Ware. Gern auch aus dem Ausland – ob Osteuropa oder Afrika. Diese Kinder kennen sich überhaupt nicht aus mit der westlichen Welt.“

Laut Bell ein weiterer Grund für die fatale Entwicklung:

„KINDER SIND BILLIGER.“

Und: „Die Einstiegsschwelle für Freier ist durch das Internet viel geringer geworden. Dort können sie aus Tausenden Mädchen und Frauen wählen. Und die Wahl fällt eben immer häufiger auf Minderjährige. Zudem wird es den Menschenhändlern und Zuhältern durch die Grenzöffnungen im europäischen Raum immer leichter gemacht.“

Laut BKA-Bericht waren drei Prozent der Opfer in Deutschland sogar unter 14 Jahre alt!

Die Zahl der 14- bis 17-jährigen Opfer (146) hat sich gegenüber 2007 nahezu verdoppelt.

Im Jahr 2008 wurden in Deutschland insgesamt 482 Fälle von Zwangsprostitution aufgedeckt, doch die Dunkelziffer ist viel höher. Für ganz Europa gibt es nur grobe Schätzungen.

„Die Internationale Organisation für Migration schätzt, dass ca. 500 000 Frauen und Kinder jährlich von Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa in die Zwangsprostitution gehandelt werden“, so Bell.

Mit einer fiesen Sex-Masche schaffen es die Zuhälterbanden immer wieder, die Mädchen ins westliche Europa zu locken:

Bell: „Viele Mädchen fallen dem 'Loverboy-Syndrom' zum Opfer. Junge Männer mit schicken Autos und viel Geld machen die Mädchen verliebt, tragen sie erst wie Prinzessinnen auf den Händen und sagen dann: Mensch, arbeite mal ein paar Monate im Ausland, danach machen wir uns ein tolles Leben... Und die Mädchen fallen drauf rein.“

Inge Bell hat persönlich erlebt, wie skrupellos die Menschenhändler bei ihren schmutzigen Geschäften vorgehen.

„Eines meiner Patenkinder aus Bulgarien – sie ist mittlerweile 23 – wurde mit 13 in die Prostitution gezwungen, von ihrem eigenen Freund. Der verkaufte sie an einen befreundeten Menschenhändler, der sie erst nach Deutschland brachte. Auf dem Weg über die grüne Grenze drohte er ihr: 'Wenn du nur einen Mucks machst, zerschlag ich dir die Kniescheiben und lass dich hier im Wald verrecken'.

Das Mädchen, das erst in Deutschland, dann in Strasbourg und Brüssel zur Prostitution gezwungen wurde, hat mittlerweile zu einem normalen Leben gefunden.

Ohne die Hilfe von außen, durch Patenschaften und den Einsatz von deutschen Hilfsorganisationen wäre das vermutlich nicht möglich gewesen.“

Selbst wenn es eines der Mädchen schafft, seinen Peinigern zu entkommen, kann es nicht in sein Heimatland zurück.

Bell: „Die Frauen und Mädchen können meist nicht zurück in ihre Familien, die sie womöglich verkauft haben. In ihrem alten Umfeld, lauern Menschenhändler und korrupte Polizisten, die nichts lieber täten, als diese Mädchen wieder einzuspeisen in den teuflischen Kreislauf Menschenhandel.“

Und was tun die Behörden?

„Viele Polizisten fühlen sich mit dem Phänomen Menschenhandel völlig überfordert. Es fehlt die politische Rückendeckung. So bekommen Frauen, die gegen ihre Peiniger aussagen, für die Zeit des Prozesses gerade mal eine Duldung und werden behandelt wie Asylbewerber. Bitter ist auch, dass Frauen, die in Prozessen aussagen, anschließend wieder zurück in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Opfern von Menschenhandel ist es nicht gestattet, hier in Deutschland zu bleiben und zu arbeiten.“

*Vor zwei Jahren erhielt Inge Bell die Auszeichnung „Frau Europas 2007“ - verliehen vom Netzwerk Europäische Bewegung Deutschland wegen ihrer Verdienste im Kampf gegen Menschenhandel



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