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Samstag, 10.04.2010:

Generationswechsel im Puff: Das Rotlicht-Milieu wird rauer

München - Mehrere Größen im Münchner Rotlichtmilieu geben ihr Geschäft in neue Hände und das Heer der illegalen Prostituierten wächst. Machtkämpfe und eine Verrohung sind die Folge. Eine Szene im Umbruch.

2500 angemeldete Prostituierte schaffen derzeit offiziell in München an. Im Tages-Durchschnitt etwa 800. Die tatsächliche Zahl liegt aber deutlich höher. Denn etliche hundert Frauen sind hier illegal tätig. Viele von ihnen werden zum Liebesdienst gezwungen, weiß Clemens Merkl, Leiter des Dezernats gegen Organisierte Kriminalität. Unter diese fällt auch das gesamte Spektrum der Rotlicht-Kriminalität: Menschenhandel, Gewalt-, Drogen- und Waffendelikte. „Prostitution bewegt sich immer im kriminellen Milieu“, sagt Merkl. Selbst in München, auch wenn es hier im Vergleich zu anderen Großstädten weniger sichtbar wird.

Das dies so ist, schreibt sich „die Sitte“ zu großen Teilen selbst auf die Fahnen. Ein Teil des Konzeptes ist die Meldepflicht für Prostituierte, die neu in die Stadt kommen. „Wir erklären den Damen dabei die Spielregeln“, sagt Uwe Dörnhöfer, Vize-Chef der Münchner Sitte. „Aber auch, wo und wie sie bei Problemen polizeiliche Hilfe bekommen.“ Diese Vorstellungsgespräche sollen beidseitig Vertrauen und Vorteile bringen: „Es ist nicht unsere Aufgabe, Prostituierten das Leben schwer zu machen“, betont Dörnhöfer. „Wir wollen für Sicherheit im Rotlicht sorgen – besonders auch für die dort tätigen Frauen.“ Durch die Vorabtreffen lernen die Beamten die legal arbeitenden Damen kennen. Und diese erfahren im Gegenzug gleich, wo und wie sie tätig sein dürfen – beziehungsweise nicht.

Fast die ganze Stadt ist Sperrbezirk

Die „Verordnung über das Verbot der Prostitution zum Schutz des öffentlichen Anstandes und der Jugend“ beschreibt für München straßenweise die Sperrbezirke. Im weit überwiegenden Teil der Stadt sind Sex-

Dienste tabu. Bordelle sind nur in wenigen Randgebieten erlaubt, überwiegend im Norden und Südosten. Das gilt auch für die Straßenstriche, zum Beispiel an der Hansastraße, Ingolstädter Straße oder der Freisinger Landstraße. Diese sind lediglich sogenannte Anbahnungszonen. Wird man sich einig, so müssen die Damen für ihre sexuellen Dienste mit dem Freier in eines der Etablissements fahren.

Offiziell gibt es in München derzeit rund 170 Sex-Betriebe, viele kleine und wenige große. Mit 30 Zimmern ist das „Vitalia“ im Euroindustriepark derzeit Münchens größtes Freudenhaus. Großbordelle wie in anderen Städten lehnen Kreisverwaltungsreferat und Polizei ab. „Sie sind kaum mehr zu kontrollieren“, erklärt Merkl.

Die Anzahl der Prostituierten in München hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ende der 90er-Jahre schafften in München etwa 1200 Frauen an, 70 Prozent waren Deutsche. Heute liegt der Ausländerinnen-Anteil unter den rund 2500 Frauen laut Merkl bei 70 Prozent. Durch die EU-Osterweiterung kommen die Zuhälter an immer neue junge Frauen. „Frischfleisch“ heißt das respektlos in der Szene. Denn die Gesetze der Marktwirtschaft gelten auch in Bordellen, inklusive der Folgen der Finanzkrise. „Der Kampf um Freier ist härter geworden“, beobachtet Dörnhöfer.

In München ist der Bordell-Besuch besonders teuer

Für Bordellbetreiber und Zuhälter wirft das Geschäft mit dem Sex dennoch weiter gute Erträge ab – für die Prostituierten eher nicht. Ihnen bleibt vom Freierlohn nur wenig. Die Preise für Sexdienste liegen in München zwar weit über dem Bundesschnitt, teils seien sie sogar doppelt so hoch. Laut Merkl müssen die Frauen aber rund 70 Prozent abgeben: für den Zuhälter, das Zimmer, die Werbung und anderes. „Prostituierte sind in der Regel nach ihrer Karriere nicht wohlhabender als zuvor“, sagt Merkl. „Manche werden tatsächlich nur ernährt.“ Besonders bei der illegalen Prostitution, die überwiegend in der Hand osteuropäischer Banden ist.

Diese locken systematisch Frauen unter falschen Versprechungen nach Deutschland. Doch statt Putzkraft oder Kindermädchen werden die Frauen hier in die Prostitution gezwungen. Dabei schrecken die Zuhälter weder vor körperlicher noch psychischer Gewalt zurück. „Dem Durchschnittsbürger ist oft nicht verständlich, wieso diese Frauen nicht flüchten können“, weiß Dörnhöfer. „Die Maschen der Menschenhändler sind aber brutal und perfide.“ So wird den meist jungen, ungebildeten Frauen oft der Pass weggenommen. Ihnen wird gedroht, dass sie von der Polizei ins Gefängnis gesteckt werden, weil sie hier illegal sind. Oder, dass den Eltern in der Heimat erzählt werde, dass sie sich prostituiert und die Ehre der Familie beschmutzt haben. Laut Statistik wurden 2009 rund 100 illegale Prostituierte im Sperrbezirk ertappt. Deren tatsächliche Anzahl ist sicher um ein Vielfaches höher. Einen genauen Überblick über das gesamte Milieu hat aber niemand.



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