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Samstag, 16.10.2010:

»Freier werden immer brutaler«

Am kommenden Montag findet zum vierten Mal der EU-weite Aktionstag gegen Menschenhandel statt. Grund für die Hilfsorganisation Le Nid aus Straßburg und die Kehler Beratungsstelle Frei-Ja der Diakonie Baden, um auf die Situation der Zwangsprostitution im Grenzgebiet hinzuweisen.

Das Phänomen ist nicht neu: Mafiöse Menschenhändlerringe nutzen die Grenzlage Straßburgs und Kehls und damit unterschiedliche gesetzliche Bestimmungen aus, um Frauen mit falschen Versprechen in die Region zu locken und dann zur Zwangsprostitution zu zwingen »Bei unseren nächtlichen Rundfahrten durch Straßburg treffen wir im Schnitt 30 bis 40 Frauen auf dem Straßenstrich an. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren fast nicht verändert, dazu müssen Sie sechs Mal so viel Freier rechnen«, sagt Isabelle Collot.
Sie ist Sozialarbeiterin beim Mouvement du Nid in Straßburg, einer französischen Hilfsorganisation für Prostituierte. Die meisten Straßenprostituierten kämen derzeit aus Südosteuropa (Bulgarien, Rumänien, Tschechien und der Slowakei) und aus Afrika (Nigeria, Sierra Leone, Elfenbeinküste). Angelockt durch die Hoffnung auf eine Beziehung, eine Ehe oder eine lukrative Arbeit, werden die Frauen dann mit körperlicher oder psychischer Gewalt zur Prostitution gezwungen.
Längst befindet sich der Straßenstrich in Straßburg nicht mehr rund um den Bahnhof, er hat sich in den vergangenen Jahren mehr an den Stadtrand etwa in die Rue du Petite Rhin oder die Rue de Dunkerque in Richtung Kehl verlagert.
Gefängnisstrafe
Das liegt zum einen daran, dass die Stadt als einzige Handhabe ein Halteverbot etwa vor Schulen oder Krankenhäusern erlassen kann, womit die Prostituierten lediglich verdrängt werden, sagt Collot. Zum anderen ist seit 2003 in Frankreich, wo Bordelle offiziell seit 1946 verboten sind, das »passive Anwerben« ein Straftatbestand, auf den zwei Monate Gefängnis oder eine Geldstrafe von mehreren Tausend Euro stehen

Eine Entwicklung der jüngsten Zeit stellt aber die Mitarbeiter von Nid vor immer größere Schwierigkeiten. Durch Internet und Handy verschwindet die Prostitution immer mehr von der Straße weg in Privatwohnungen und ist nicht mehr sichtbar. Inzwischen betreue Le Nid ferner bereits 17-jährige Schülerinnen oder Studentinnen. Was Collot außerdem Sorge macht: Die Freier werden immer gewalttätiger und behandeln die Frauen aufgrund ihrer Herkunft aus Afrika oder Osteuropa als minderwertig.
Viele der Zwangsprostituierten wohnen laut Collot in Kehl und prostituieren sich in Straßburg. Die mafiösen Netzwerke nutzen dabei den Umstand aus, dass die Prostitution seit 2003 in Deutschland offiziell als Beruf anerkannt ist und ein Zuhälter sich nur strafbar macht, wenn er eine Prostituierte ausbeutet. In Frankreich dagegen kann ein Taxifahrer, der Prostituierte zu ihrem Platz am Straßenstrich transportiert, wegen Zuhälterei angeklagt werden.
Weil ein Großteil der Straßenprostituierten, bei den Bulgarinnen sind es laut Collot die Hälfte, in Kehl wohnen und in Straßburg anschaffen gehen, kooperiert le Nid seit etwa vier Jahren mit Frei-Ja Kehl. »FreiJa Aktiv gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution« war 2006 von der evangelischen Diakonie in Baden als Anlaufstelle für Opfer von Zwangsprostitution gegründet worden und unterhält zur Zeit Büros in Freiburg und Kehl. Der Unterschied zu Le Nid in Straßburg: »Wir kämpfen nicht gegen die Prostitution an sich, sondern gegen den Menschenhandel und die Zwangsprostitution«, sagt die Sozialarbeiterin, die mit einer halben Stelle für Frei-Ja Kehl arbeitet und nicht genannt werden möchte.
40 Prostituierte betreut
Ein bis zwei Mal im Monat begleitet sie die Sozialarbeiterinnen und freiwilligen Helfer von Nid in Straßburg, um Zugang zu Kontakt zu den deutsch sprechenden Prostituierten zu knüpfen, damit diese wissen, an wen sie sich in Kehl wenden können. 30 bis 40 Zwangsprostituierte habe FreiJa in Kehl und Freiburg im vergangenen Jahr betreut.
Mit dem Modellprojekt Pink (Prostitution – Integration – Neustart – Know-how) will Frei-Ja die Beratungsarbeit auch auf Sexarbeiterinnen ausweiten, die dies freiwillig machen, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhören wollen.
Internet-Adressen: Mouvement du Nid: www.
mouvementdunid.org, Frei-Ja: www.diakonie-freiburg.de , Projekt Pink: www.pink-
baden.de



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