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Samstag, 29.05.2010:
Das Reutlinger Kreisgesundheitsamt bietet eine spezielle Sprechstunde für Prostituierte an
KREIS REUTLINGEN. Einmal die Woche ist »STD-Sprechstunde« bei der Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit. Dahinter verbirgt sich ein besonderes Angebot des Reutlinger Kreisgesundheitsamts: Dienstagsvormittags berät und untersucht Elisabeth Neuner-Götz Prostituierte. Schwerpunkt sind die sexuell-übertragbaren Krankheiten, zu Englisch »sexually transmitted diseases« (STD).
Den Freiern begegnet die Ärztin dann in der Aidssprechstunde. Dort kuriert sie die Männer als Erstes von der »schrägen Vorstellung, dass der Staat dafür garantiert, dass eine Prostituierte frei von Krankheiten ist«.
Bis 2001 mussten sich Prostituierte regelmäßig untersuchen lassen. Dann wurden diese Kontrollen abgeschafft. Einerseits wollte man den Frauen nicht den Schwarzen Peter zuschieben, erläutert Neuner-Götz. Zudem war die Sicherheit, in der sich viele Freier aufgrund der Zwangskontrollen wogen, eine trügerische: Viele Huren arbeiten nämlich illegal, wurden und werden von Ämtern und Vorschriften gar nicht erreicht. »Aus der Überwachung rein in die Eigenverantwortung«, so lautet die neue Devise.
»Viele Prostituierte haben psychische Probleme«
Allerdings müssen die Gesundheitsämter für »Personen mit erhöhter Gefährdung« weiter ein Beratungs- und Untersuchungsangebot machen, das vielerorts bei der Aidsberatung angesiedelt ist. Der Landkreis Reutlingen bietet seit 2007 als einziger im Regierungsbezirk die spezielle Prostituiertensprechstunde an. Darin stehen sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien, Tripper, Syphilis, Aids und Hepatitis im Zentrum, deren Ausbreitung verhindert werden soll. »Unser Ziel ist nicht, den Kunden die sexuelle Gesundheit der Prostituierten zu garantieren«, betont Neuner-Götz.
Doch wird das Angebot von den Betreibern der beiden großen Reutlinger Laufhäuser sehr geschätzt. »Die wollen dort gesunde Frauen. Sie sind sogar seinerzeit auf uns zugekommen, ob wir's anbieten.« Nach Vorbesprechungen mit den Verantwortlichen wurde das Konzept erarbeitet. Offensichtlich weiß man im Rotlichtmilieu staatlichen Beistand zu schätzen. Zumal die freiwilligen Untersuchungen zumindest zum Teil kostenlos sind. Bis heute machen die Huren aus den beiden Laufhäusern das Gros der Kundschaft aus.
Der Kontakt bleibt anonym. Die Ärztin, die bei ihrer Arbeit von einer sozialmedizinischen Assistentin unterstützt wird, legt die Karteien unter einer Codenummer an. Erfordert ein Untersuchungsbefund weitere Behandlung, wird per SMS mit der Patientin kommuniziert.
Gut 100 Frauen hat die Ärztin, unterstützt von einer sozialmedizinischen Assistentin, im Jahr 2009 in insgesamt 245 Terminen untersucht und beraten und dabei insgesamt eine »recht niedrige Infektionsrate« ermittelt.
Manche Huren begleitet die Medizinerin über längere Zeit hinweg. Viele »rotieren jedoch durch die ganze Republik oder sogar im Ausland«, weiß Neuner-Götz. Aus insgesamt 26 Ländern kamen im Jahr 2009 ihre Patientinnen: die meisten aus Deutschland, Rumänien und Bulgarien. Viele sind des Deutschen nicht mächtig und bringen eine Dolmetscherin mit.
Neuner-Götz mutmaßt aufgrund ihrer Begegnungen, dass die Prostituierten in den Reutlinger Laufhäusern »unter vergleichsweise guten Bedingungen« arbeiten. So werde dort mit Kondom gearbeitet - für dessen Zwangseinführung in allen Bordellen sich gerade die Baden-württembergische Landesregierung starkmacht. Die meisten Frauen seien in gutem körperlichem Zustand, manche jedoch »grenzwertig magersüchtig«. Viele hätten psychische Probleme. »Ich sehe die Prostitution mit gemischten Gefühlen, aber mittlerweile differenzierter. Ich erlebe auch Frauen, die sagen, dass sie ihren Job gerne machen.«
Dabei zeige sich ihr eher die »freundliche Seite« des Gewerbes. »Frauen, die illegal hierher verschleppt wurden, kommen nicht zu mir.« Die Zeiten werden nicht besser: Billig, billig und Flatrates sind längst auch ins älteste Gewerbe der Welt eingezogen. Die Etablierten klagten über Konkurrenzangebote. Details über Hintergründe und Strukturen der hiesigen Betreiber des horizontalen Gewerbes möchte Neuner-Götz jedoch lieber nicht wissen: »Ich halte mich da raus, ich muss mich mit denen vertragen.«
Dass sie mit ihrer Arbeit Teil des Systems ist, mache die Sache »kitzlig«: »Ich möchte die Prostitution ja nicht fördern. Ich möchte etwas für die Frauen tun.«
Klar sei auch: Prostitution ist nicht ausrottbar, auch nicht durch gesetzliche Vorgaben. Deshalb sehe sie ihre Aufgabe in der »Schadensbegrenzung«.
Geplant ist, in nächster Zeit für die Spezialsprechstunde unter den Frauen, die in Terminwohnungen arbeiten, zu werben und insgesamt möglichst viele Huren zu ermuntern, sich prophylaktisch gegen Hepatitis B impfen zu lassen. Fremdsprachliche Broschüren sollen für besseren Informationsfluss sorgen.
Eine wichtige Zielgruppe sind auch die Männer, die ihren Körper verkaufen. Sie sind nach Neuner-Götz' Erfahrung besonders schwer erreichbar, deshalb schlecht informiert und besonders infektionsgefährdet.
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