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Montag, 29.11.2010:

(K)ein Beruf wie jeder andere

Frau S. will nicht mehr. 22 Jahre hat sie als Prostituierte in Freiburg gearbeitet – jetzt ist sie ausgestiegen. Es rechnet sich nicht mehr, sagt sie. Die Konkurrenz aus Osteuropa habe die Preise und Sitten verdorben. "Es ist noch nie soviel ohne Schutz gearbeitet worden", erzählt Frau S. "Jede zweite Anzeige wirbt mit dem Versprechen tabulos. Die Einnahmen stehen in keinem Verhältnis zum Risiko." Die Gäste forderten immer mehr für immer weniger Geld. Frauen, die ihre Gesundheit nicht ruinieren wollen, hätten kaum noch Verdienstmöglichkeiten.

Frau S. ist weder blutjung, gertenschlank noch umwerfend schön. Doch sie wirkt selbstbewusst und unabhängig, sie ging ihrer Arbeit gern nach und fühlte sich als Chefin in einem Gewerbe, in dem sie über Arbeitszeit, Arbeitsort und Verdienst selbst entscheiden konnte. Sie habe sich nie zu etwas zwingen lassen, sagt die gepflegte Blondine. Sie hat das Fachabitur, eine Berufsausbildung – und sie hat zwischendurch immer wieder in ihrem bürgerlichen Beruf gearbeitet.

Prostitution hat viele Gesichter. Frauen verkaufen ihren Körper für Geld – unter Zwang, aus blanker Not, aus Lust am Geschäft. Für die einen bleibt Prostitution eine kurze Episode, für andere eine längere Option. Die Sexarbeiterin, die auch mal einen Mann ablehnt, hat nichts gemein mit der Drogenabhängigen, die für zehn Euro ins Auto des Freiers steigt.

"Das Milieu ist ungemein vielschichtig", sagt Simone Heneka, Sozialarbeiterin bei der Beratungsstelle Pink in Freiburg. "Nicht jede Prostituierte ist automatisch ein Opfer. Es gibt Frauen, die sich frei entschieden haben, die selbstständig arbeiten, die keinen Zuhälter haben."

Wie viele arbeiten unter Zwang, wie viele freiwillig? Die Sozialarbeiterin zuckt leicht ratlos mit den Schultern. "Das ist eine Frage der Definition. Wenn Frauen aus Armut anschaffen gehen – ist dies freiwillig oder geschieht es aus Not, weil es keine Wahlmöglichkeit gibt?"

Es gibt Frauen, auch aus Osteuropa, die genau wissen, was sie tun. Die schnell viel Geld verdienen wollen, um die Familie zu unterstützen, die Schulden abzubezahlen oder eine Existenz aufzubauen. Und die sich doch oft etwas vormachen.

Glitter und Glanz sind im ältesten Gewerbe der Welt rar. Die Allerwenigsten werden als Callgirl für eine Nacht von einem Fußballstar oder Ministerpräsidenten eingeflogen und mit 1000 Euro oder mehr entlohnt. Die meisten sind schon froh, wenn sie 1500 Euro im Monat einnehmen. Und die Ausgaben für Miete, Kontaktanzeigen, Kleider und Kosmetika sind hoch.

Seit einem halben Jahr arbeitet Simone Heneka beim landesweit einmaligen Modellprojekt Pink in Freiburg. Eine zweite Stelle ist in Kehl. Pink – die vier Buchstaben stehen für Prostitution, Integration, Neustart und Know-how – will Frauen beim Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu und beim Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt helfen. Ins Leben gerufen wurde Pink von der Bundesregierung, finanziert wird die Anlaufstelle von Land und Bund, getragen vom Diakonischen Werk Freiburg. Der Standort Freiburg wurde bewusst gewählt: Prostitution gibt es nicht nur in sündigen Großstädten, sondern auch in braven grün-alternativen Universitätsstädten. Eine Anlaufstelle für die Damen vom horizontalen Gewerbe gab es bislang aber nicht.

Bis zum 1. Januar 2002 galt die Prostitution in Deutschland als sittenwidrig. Sie war zwar nicht ausdrücklich verboten, aber in der täglichen Praxis gab es viele Einschränkungen. Gegen den heftigen Widerstand der Union hatten SPD und Grüne dann das "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse von Prostituierten" durchgebracht, um einen "gesellschaftspolitischen Meilenstein" zu setzen. Seither ist die Prostitution als Erwerbstätigkeit anerkannt. Vereinbarungen mit Prostituierten sind rechtsverbindlich, das Honorar ist einklagbar. Bordelle können Frauen – und Männer – anstellen, Sozialabgaben und Krankenversicherung zahlen.

Daraus lassen sich Ansprüche auf eine Umschulung und die Wiedereingliederung in den normalen Arbeitsmarkt ableiten. In der Begründung für das Prostitutionsgesetz heißt es ausdrücklich, dass Prostituierte jederzeit die Möglichkeit haben sollen, aus dem Milieu auszusteigen, in dem ihnen zum Beispiel Umschulungen angeboten werden.

Das Gesetz war gut gemeint. Es sollte ein Kapitel deutscher Sittengeschichte schließen, das an Bigotterie kaum zu überbieten war. Doch die Ziele wurden verfehlt. Nur ein Prozent aller Prostituierten hat einen Arbeitsvertrag, heißt es in einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums. Zwar sind 87 Prozent der Prostituierten krankenversichert, die überwiegende Mehrheit nicht unter ihrer Berufsbezeichnung, sondern als Familienangehörige.

Verständlich: Welche Frau geht schon zur Krankenkasse und erzählt dem Sachbearbeiter, dass sie als Prostituierte arbeitet und sich freiwillig versichern möchte? Welche Dirne traut sich, beim Arbeitsamt eine Umschulung zu beantragen und aus ihrem Vorleben zu berichten? Kaum eine Frau kann ihre berufliche Tätigkeit in ihr Leben integrieren – die meisten führen ein Doppelleben. Sie wollen nicht als Prostituierte bekannt, erkannt werden – wegen der Nachbarn, der Familie und vor allem wegen der Kinder.

"Das soziale Stigma ist nach wie vor vorhanden", sagt Renate Kirchhoff, Professorin für Theologie an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg, die sich seit langem mit dem Thema Prostitution beschäftigt. Bis das Thema Sexarbeit vorurteilsfrei debattiert werden kann, werden noch Jahre verstreichen.

"Die Vermutung liegt nahe, dass das Gesetz auch ins Leben gerufen wurde, damit der Staat von den Einnahmen im Rotlichtmilieu profitiert", sagt Simone Heneka. Da geänderte Paragrafen allein nicht ausreichen, sind praktische Hilfen zum Ausstieg nötig. Daran fehlte es in Südbaden – bis zur Gründung von Pink.

"Es gibt viele Frauen, die aussteigen wollen. Sobald sie jedoch öffentlich sagen, was sie bisher gemacht haben, stehen sie im Abseits", bestätigt auch Pink-Projektleiterin Angelika Hägele.

Die Probleme sind immer wieder die selben: Einige haben keine eigene Wohnung – die Arbeitsstätte ist gleichzeitig auch Unterkunft, die bei einem Ausstieg verlassen werden muss. Viele haben Schulden, leben nach einem Brutto-für-Netto-Denken. Weil sie das Geld aus Angst nicht zur Bank tragen, werde es oft gleich wieder ausgegeben. Und: Gerade im Ausstiegsprozess leiden viele Frauen unter großen sozialen, gesundheitlichen und seelischen Problemen.

Wer Prostituierte aber nur als Opfer betrachtet, übersieht, dass die Frauen Kompetenzen haben, die im bürgerlichen Arbeitsleben gefragt sind: Kundenfreundlichkeit, Flexibilität, Konfliktmanagement, eigenverantwortliche Arbeitsteilung und Menschenkenntnis sind Schlüsselqualifikationen, die einen Einstieg auf dem ersten Arbeitsmarkt möglich machen sollten.

Fakt ist aber auch: Wer 20 Jahre im Milieu gearbeitet hat, kommt nur schwer wieder unter. Selbst qualifizierte Frauen sind schwer zu vermitteln. Noch schwieriger gestaltet sich die Suche, wenn mangelnde Deutschkenntnisse, abgebrochene oder nicht anerkannte Schulabschlüsse, Verschuldung oder psychische Probleme hinzukommen. Den Beraterinnen ist klar: "Wem es gut geht, der kommt erst gar nicht zu uns."

Aber immer weniger Prostituierten geht es gut. Die Konkurrenz wird härter. Die Sitten auch. "Flatrate-Bordelle", die Sex zu Schleuderpreisen anbieten, und "Gang-Bang-Veranstaltungen", bei denen die Kunden Gruppensex an mit Prostituierten haben, sind der jüngste Trend. Die hygienischen Bedingungen in den Flatrate-Clubs seien alles andere als toll, berichtet eine Beraterin vom Gesundheitsministerium Stuttgart über einen solchen Club in Fellbach. Die Zimmer hätten keine Türen, die Frauen würden sich Betäubungsmittel in die Vagina spritzen, weil sie es sonst nicht aushalten könnten, 60 bis 70 Männer am Tag zu "bedienen". Zudem werde es im Rotlichtmilieu immer schwieriger, ohne einen Zuhälter zu arbeiten.

Frau S. ist ausgestiegen. Eine neue Stelle hat sie bislang nicht gefunden.



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